Mittwoch, 28. September 2016

Wupperberge(trail)marathon

Schneller sein als letztes Jahr. So lautet der jeder Grundlage entbehrende Plan für den Wupperbergemarathon am 25.9.2016 mit seinen rund 1500 Höhenmetern. Erst seit fünf Wochen wieder im Training und dabei so gut wie keine Höhenmeter gesammelt - aber schneller sein wollen! Ein entscheidendes Plus kann ich trotzdem für mich verbuchen. Diesmal kenne ich die Strecke und kann versuchen, anfangs besser mit meinen Kräften zu haushalten.

Deshalb gehe ich konsequent den ersten längeren Anstieg hinauf zum Schloß Burg, wo ich im Vorjahr noch komplett hochgerannt war. Meine anfängliche Euphorie hatte ich damals mit einem Einbruch bei Kilometer 25 bezahlt.

Als es auf der anderen Seite wieder zu Tale geht, stürzt der Läufer vor mir aus vollem Galopp. Das sieht ziemlich spektakulär aus. Aber er kommt mit ein paar Abschürfungen davon. Dann hole ich die führende Frau wieder ein, die mir am Schloßberg weggelaufen war. Sie stapelt tief, denn sie meint, dass sie "sowas" nicht so oft mache. Was mag sie mit "sowas" wohl gemeint haben? Marathonlaufen wohl eher nicht, denn sie hat den Duisburg-Marathon schon mehrfach in Folge mit Zeiten unter drei Stunden gewonnen. Landschaftsläufe meint sie bestimmt auch nicht, denn beim Monschau- und beim  Siebengebirgsmarathon hat sie schon als Siegerin auf dem Treppchen gestanden. Dann muss sie "Traillaufen" gemeint haben. Denn nachdem wir bis etwa Kilometer Acht gemeinsam unterwegs waren, verliere ich sie bergab auf irgendeinem der steilen, schmalen Pfade, die sie etwas vorsichtiger in Angriff nimmt. Der Organisator hat den Lauf inzwischen von "Wupperbergemarathon" auf "Wupperberge(trail)marathon" umbenannt, um den hohen Single-Trail-Anteil der Strecke gebührend zu würdigen.

Talblick auf der Strecke (Archiv)

Wieder einmal geht es sehr lange auf engem Steig bergab. Links der Hügel, rechts der Abgrund. Rund 50 Meter vor mir stürmt ein Läufer talwärts. Ich hinterher. Bremsen unmöglich. Ein rüstiger Rentner kommt uns entgegen. Statt ein klein wenig zur Seite zu rücken, baut er sich mitten im Weg auf und wirbelt mit meinem Vordermann herum, als dieser vorbeistürmt. Was genau da abläuft, bekomme ich nicht wirklich mit. Weiß nur, dass ich volles Rohr in den Abgrund stürze, wenn der alte Herr nicht ein paar Zentimeter Platz macht. Doch obwohl ich noch einen freundlich formulierten Warnruf absetze, baut er sich auch vor mir wieder in der Wegmitte auf. Es ist nicht meine Art, Opas zu schubsen. Aber in dieser Situation lässt sich ein leichter Körperkontakt nicht vermeiden, wenn ich das sturzfrei überstehen will. Opa quittiert dies mit lautem Macho-Genöle. Aber niemand kommt zu Schaden.


Schaden nimmt jedoch meine Glaube. Am Fuße des Hügels glaube ich nicht mehr an meine Streckenkenntnis. Denn jetzt geht es auf einer Mountain-Bike-Piste steil und ohne jede Serpentine wieder hoch. Es stellt sich heraus, dass der Veranstalter zwei neue Zusatz-Berge in die Route eingebaut hat!

 "Siehst du Pfeile?", lässt sich eine Frauenstimme hinter mir vernehmen, als ich gerade irgendwo mit den Händen vorm Gesicht durch die Zweige peitsche. "Nein, aber auch noch keine Sterne.", denke ich, antworte jedoch: "Nein, aber wir sind richtig!" Markierungen sind zwar nicht zu sehen, aber das kleine Dreieck auf meiner Uhr bewegt sich genau auf dem Track. Als ich mich umdrehe, erkenne ich sofort, dass es sich um die ehemalige Deutsche Berglaufmeisterin handelt. Denn wir haben eine Gemeinsamkeit. Jaha, ich habe was mit einer Berglaufmeisterin gemeinsam! Na gut, es ist nur das Trainingsgebiet. Wir laufen nämlich beide in Düsseldorfs Grafenberger Wald, wo sich gelegentlich unsere Wege kreuzen. Als sie überholt, fällt auf, dass sie gelb-beringt ist. Wir Marathonläufer tragen stattdessen ein grünes Armband. Dann dürfte sie die potenzielle Siegerin des in diesem Jahr erstmals ausgetragenen Halbmarathons sein. Scheinbar hat sie Orientierungsschwierigkeiten, jedenfalls überholt sie mich einige Zeit später ein weiteres Mal.

Und noch eine Frau taucht auf. Ein paar Serpentinen unter mir sehe ich sie heranstürmen. Doch wo bleibt sie bloß? Es dauert recht lange, bis sie sich an meiner Seite zeigt. Ein Sturz dürfte Ursache für die Verzögerung sein, denn ihr Gesicht ist blutüberströmt. Dessen unbeirrt rennt sie weiter. Das nenne ich wahren Kampfgeist! Wir sind lange gemeinsam unterwegs, bis sie sich entscheidet umzukehren. Sie vermisst die speziellen gelben Pfeile, mit denen der Halbmarathon markiert sein soll. Das ist schade, besonders angesichts der blutigen Vorgeschichte, denn tatsächlich gilt die rosafarbene Marathonmarkierung für beide Strecken. Nur Abweichungen werden mit den gelben Pfeilen angezeigt.

Von allen Frauen verlassen, muss ich es jetzt ohne weibliche Unterstützung bis ins Ziel schaffen. Auch diesmal schwinden mir an der 25-km-Marke die Kräfte. Aber ich nehme es gelassen. Es ist heute einfach zu schön im Wald, um mit dem Schicksal zu hadern. Das Wetter hat uns noch einen Sommertag mit bis zu 26 Grad gegönnt, obwohl das Laub schon goldene Herbstfarben im Sonnenlicht erstrahlen lässt. Es ist der reine Genuss! Einerseits. Andererseits ist es auch ganz schön warm. Ich bin komplett mit einer Schweißschicht überzogen, die sich mit dem Staub des ausgetrockneten Waldbodens zu einem stinkenden Film vermischt. Von Zeit zu Zeit weht mir eine Wolke meines eigenen Geruchs in die Nase. Ein Grund, schneller zu laufen, um die Wolke hinter mir zu lassen!

Aber mit dem Schnellerlaufen ist das so eine Sache. Für mein Zeitziel müsste ich etwa einen sechser Schnitt auf der Uhr haben. Die zeigt mittlerweile aber Werte deutlich darüber. Davon lasse ich mich dummerweise demoralisieren und gebe die Zeitvorgabe verloren. Zu zeitig, wie mir am letzten Verpflegungspunkt bewusst wird. Denn der war für km 37 angekündigt. Meine GPS-Messung steht aber erst bei 35. Die Pace-Anzeige gaukelt mir also ein zu langsames Tempo vor. Viel kann ich jetzt nicht mehr ausrichten. Und dann verlaufe ich mich auf den letzten Kilometern auch noch. Suche irgendwo im Gebüsch nach einem Pfad, obwohl der doch ganz deutlich sichtbar genau am Abbiegepfeil beginnt. Ist wohl doch ein bisschen zu warm heute!

Letztlich brauche ich fünf Minuten mehr als im Vorjahr und bin nach 4:24:43 im Ziel. Es wurden insgesamt etwas langsamere Zeiten gelaufen, was an den höheren Temperaturen und den beiden zusätzlichen Anstiegen liegen könnte. Schaffte ich es im Vorjahr auf den sechsten Platz, reicht es diesmal sogar für den fünften. Somit bin ich letztlich zufrieden, obwohl ich heute die langsamste jemals von mir gelaufene Marathonzeit zu den Büchern nehme.

Mittwoch, 7. September 2016

Kö-Lauf Düsseldorf - Halbmarathon auf der Kö

Früher hieß er Kö-Lauf und war maximal 10 km lang. In diesem Jahr findet zum ersten Mal auch ein Halbmarathon statt, was zu einem neuen Namen und dem verwirrenden Hinweis auf der Veranstalter-Seite führt: "Der Stadtwerke Düsseldorf Halbmarathon auf der Kö feiert am Sonntag den 4. September seine 29. Auflage." Ob erstes oder 29. Mal, das Schönste an dem Lauf ist für mich die Nachmeldung.

Das Ziel ist nicht das Ziel
Nur am Vortag und nur auf der Kö (also der Düsseldorfer Königsallee) ist eine nachträgliche Registrierung möglich, wenn man, wie ich, die Anmeldefrist versäumt hat. Bei Sommerurlaubswetter trete ich zu einem 30-km-Lauf heraus, dessen Wendepunkt das Nachmeldebüro inmitten Düsseldorfs teurer Pracht- und Flaniermeile bilden wird. Man hat dort einen Zielbogen errichtet. Ich übe gleich mal das Durchlaufen in Jubelpose. Zu früh gefreut. Das ist der falsche Bogen. Hier endet eine Oldtimer-Rallye. Oldtimer? Passt ja doch irgendwie. Musste ich mir neulich doch anhören, dass es in meinem Alter ja nun langsam mit dem Höher-Schneller-Weiter vorbei sei. Ein Omen für den morgigen Lauf?

Oldtimerrennen auf der Kö - auch schon am Vortag
Völlig verschwitzt mische ich mich ins samstägliche Getümmel der edlen Kö-Galerie. Der Weg zur Nachmeldung führt durch die Reihen der Sitzplätze eines hochpreisigen, italienischen Restaurants, wo Einkäufer in feinem Zwirn ihre Mahlzeit genießen wollen. Statt von Pastaduft werden sie von meinen Ausdünstungen umwölkt. Entsprechende Blicke ernte ich. Derart abgehärtet setze ich auf dem Rückweg noch einen drauf und kehre beim Veganer ein. Immerhin belege ich  rücksichtsvoll einen Platz im Freien, wo ich erwartungsgemäß allein am Tisch bleibe.

Veganes Loading ohne Carbo
Am Wettkampftag reise ich doch lieber nicht zu Fuß an, sondern nehme das Fahrrad. Das Wetter, das gestern noch der bayrischen Landesfahne zu aller Ehre gereicht hätte, ist über Nacht umgeschlagen. Einem Starkregenschauer gefällt es, genau auf meiner Route hernieder zu gehen. Dank Goretex bleiben Leib und Füße trocken. Nur das Höschen ist schon vorm Start feucht.

Die Kollegen vom TuS Lintorf, die den Zehner schon hinter sich haben, raten zu einer Aufstellung in der vierten Reihe, da anderenfalls ob des Gedränges auf dem engen Kurs keine 1:30er Zeit zu laufen sei. Mein letzter Halbmarathonstart ist lange her. Im November 2014 hatte ich mit einer persönlichen Bestzeit von 1:26:05 die Latte so hoch gelegt, dass ich unterbewusst wohl bisher ein erneutes Antreten auf dieser Distanz gescheut habe. Heute, erst seit zwei Wochen wieder im Training, muss ich froh sein, wenn ich überhaupt die 1:30 schaffe. Somit folge ich dem Aufstell-Tipp.

Beinahe könnte ich den eingekauften Kenianern, die mit Bestzeiten von 1:01 und 1:02 gemeldet haben, von hinten auf die Schulter fassen. Ich komme mir etwas deplatziert vor. Doch mit dem Startschuss stellt sich heraus, dass die Stelle optimal war. Es ist kaum Bewegung im Feld, von Gedränge keine Spur. Auf eine 1,1-km-Einführungs-Kö-Runde folgen vier 5-km-Schleifen, die neben der Königsallee auch den neuen Kö-Bogen und die angrenzenden Parks beinhalten. Außer Asphalt werden den Startern auch Parkwege, Pfützen, rechte Winkel und leichtes Auf-und-Ab geboten. Mir gefällt's, war ich doch beim bisherigen, ausschließlich auf der namensgebenden Straße stattfindenden Kö-Lauf wegen des Gerangels auf der kleinen Runde kein zweites Mal gestartet.

Nach planmäßig absolvierten ersten Kilometern passiere ich erneut den Einheizer am Ende der Königsallee. Mit mächtigen Bässen verleiht Bonnie Tyler ihrem Bedürfnis Nachdruck: "I need a hero!" "Ja, ja, Bonnie, ich komm' ja schon!" Mir geht es durch und durch. Und dann geht es mit mir durch. Ganz unerwartet zeiht es mich in ein Läuferhoch. Mit Gänsehaut und feuchten Augen fliege ich um die Ecke. Ich will nur noch laufen, laufen. Ungestüm fange ich an zu überholen, bis die Wirkung meiner Droge plötzlich nachlässt. 4:03 min für diesen Kilometer war wohl etwas schnell. Aber allein diese paar Momente voller Glückseligkeit waren die 35 Euro Startgebühr wert.

Von  nun an geht es nur noch bergab. Der Mut sinkt, während die Pace steigt. Immerhin - der treue Leser wird sie schon vermisst haben - die obligatorische Frau wird noch überholt. Später stellt sich heraus, dass es die Drittplatzierte war.

Ich höre Pfiffe. Werde ich für meine miserable Leistung auch noch ausgepfiffen? Nein, von hinten naht der Führungs-Radler und pfeift eine Gasse für den Sieger herbei. Dabei hätte es gar keiner zusätzlichen akustischen Signale bedurft. Schlabbernd und schmatzend lässt sich der platte Vorderreifen vernehmen, den der bedauernswerte Offizielle über den Kurs quält. Im Gegensatz zu mir darf sich der arme Mann kein Schwächeln erlauben und muss schneller als der Führende bleiben! Seltsamerweise nehmen der Radler und die beiden Kenianer den Parallelweg ein Beet weiter, während das Feld vom Streckenposten die Abkürzung geschickt wird.

Vor mir läuft Guido Gallenkamp, der mit dem "Zuckerspiel" selbst einen Halbmarathon organisert. Er applaudiert dem schnellen Afrikaner, als ihn dieser überholt. Er applaudiert dem Zweitplatzierten, als dieser ihn überholt. Dann überhole ich ihn. Und er applaudiert mir! Ja, Dritter wäre ich gern. Seinen kleinen Irrtum überspiele ich mit den Worten: "Dein Zuckerspiel habe ich auch noch auf der Liste!" 

Im Weiterlaufen werden mir zwei Dinge klar. Wenn ich so munter plaudern kann, agiere ich offenbar nicht am Limit, wie es sich für einen Wettkampf gehören würde. Und zweitens fällt mir ein, dass  Guido auch den WHEW veranstaltet, einen 100-km-Lauf, der noch viel weiter oben auf meiner Liste steht.

Viele Kilometer und noch mehr negative Gedanken später - es muss so um die 18er-Marke herum sein - ruft es an meiner Seite: "Plötzliche Wiederauferstehung, mein Freund!". Es ist Guido, der sich hier zu einem Endspurt anschickt. "Nimm mich mit!", fordere ich ihn auf. Mein Kampfgeist ist wieder geweckt. Alles nur Kopfsache! Gemeinsam bahnen wir uns einen Weg durch die Überrundeten, und ich finde mich auf einmal vor meinem Motivator wieder. Seiner Schritte hinter mir gewiss, zeigt die Uhr noch drei anständige Zwischenzeiten, bevor wir kurz nacheinander den Wettkampf beenden.

Erdinger alkoholfrei, Aggregatzustand: fest
Nach glatten 1:32 im Ziel, überrascht dort die Firma Erdinger mit einem Bier-Riegel. Offenbar sind die Bayern fest entschlossen, die Zielversorgung komplett an sich zu reißen. Wann kommt die Erdinger-Banane?

Mittwoch, 31. August 2016

Running Loughborough

Die Universität in Loughborough genießt einen ausgezeichneten Ruf, sowohl für ihre technische als auch sportliche Ausbildung. Paula Radcliffe hat hier studiert. Ich habe also läuferisch-historischen Boden unter den Füßen, als mich mein nachdienstlicher Lauf abends zufällig über den Campus führt.

Loughborough University Campus
Sportliches Gewimmel in der Stadt. Vor einem Sportstudio flippen knackige, junge Frauen in engen Höschen und knappen Bustiers einen riesigen Traktorreifen über den Hof. Aus dem Stadion gellen Schreie und Pfiffe. Die vielen Läufer in den Straßen sind den Passanten keinen Seitenblick wert.

War Memorial im Queen's Park in Form eines Glockenturms
Natürlich gibt es auch Radler und eigens für sie hervorragend beschilderte Radrouten. Diesen Wegen vertraue ich mich an und entdecke, dass sie abseits der Straßen durch's Grüne verlaufen. Perfekt! Da können sich deutsche Orte, die sich mit dem Attribut "Fahrradfreundliche Stadt" schmücken, noch einiges abgucken.

Glockenform im Queen's Park
Zu gucken bekomme ich auch so manches. Im Queen's Park (wie soll er auch sonst heißen) steht eine rostige Glockenform herum. Darin wurde 1880 die größte Glocke Englands gegossen, und zwar für die St. Paul's Cathedral in London. Es dauerte ein Jahr, um das nötige Geld zu sammeln, acht Stunden, um das Material einzuschmelzen, vier Minuten, um die Glocke zu gießen und sechs Tage, bis die Glocke abgekühlt war. Danach lieferte das 17 Tonnen schwere Ding den gewünschten E-Ton, musste aber noch nach London verfrachtet werden. Das übernahmen dann zwei Dampf-Zugmaschinen.

Apropos, Dampfmaschine. Eine von James Watt gebaute "Beam Engine" ziert auch noch meinen Weg.

Beam Engine von James Watt, 1850
Meine rotverschmierten Hände weisen mich fortan als Brombeerdieb aus. Ich habe mich an den über einen Bretterzaun hängenden Früchten gütlich getan. Die fruchttragende Gasse ist so eng, dass sie nur von wirklich Verliebten passiert werden sollte. Das suggeriert zumindest der Straßenname: "True Lovers Walk".

"Durch diese hohle Gasse muss er kommen."
Der Ausflug nähert sich seinem Ende, und ich bekomme mächtigen Durst auf ein frisch gezapftes Pils. Das hat nicht nur mit dem schweißtreibenden Sport zu tun. Auf einer Verkehrsinsel stolpere ich fast in eine Bierwerbung. Praktisch die ganze Stadt ist voll davon. Ach was, das ganze Land! Tatsächlich handelt es sich nämlich um die Rückansicht der englischen Entsprechung unseres deutschen Verkehrszeichens 222-20. Den weißen Pfeil auf blauem Grund haben die Ale-trinkenden Barbaren auf der Schildvorderseite mitten in die Blume des Bieres platziert!

Biertulpe oder Verkehrszeichen?

Statt Bier zu trinken und rumzugrölen schleiche ich, eingeschüchtert von der lokalen Beschilderung, ganz leise in mein Hotelbett. Schließlich habe ich morgen auch wieder eine "Verpflichtung".

Psst!

Sonntag, 21. August 2016

Course du Dolmen - Florac

An rund 20 Grad Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht haben wir uns in den letzten Tagen hier in der Schlucht des Tarn schon gewöhnt. Und so schalten der Junior und ich bibbernd die Sitzheizung an, als wir am 14. August bei morgendlichen 11 Grad im knappen Wettkampf-Leibchen zum Start nach Florac fahren.
Tarn-Schlucht
Der "Course du Dolmen" führt auf die Höhen über Florac, wo es von Dolmen und Hinkelsteinen nur so wimmeln soll.  Der Wettkampf über 12,4 km und 400 Höhenmeter wird heute zum 30. Mal ausgetragen. Die 400 Höhenmeter sind laut Höhenprofil zwischen Kilometer Vier und Acht zu erklimmen. Das entspricht, wie der Mathematiker leicht erkennt, einer Steigung von 10 Prozent. Danach geht es bis ins Ziel nur noch bergab.

Für neun Euro Startgebühr erhalten wir neben einem ärmellosen Funktionsshirt mit Dolmen-Aufdruck noch eine Flasche des Mineralwassers "Quézac" aus dem gleichnamigen Nachbarort. Der verdankt wohl seine Benennung, wenn ich das richtig verstanden habe, dem Burgherren, der im Krieg als einziger Mann zu Hause blieb und den Bedürfnissen der heimischen Frauen nachkam - bis er vor Erschöpfung schließlich starb. Daher Quezac, was "schlaffer Sack" bedeuten soll. Heute betreibt die Firma Nestlé hier eine "bottle plant".

Wie ein schlaffer Sack fühle ich mich auch, denn bei diesem Wettkampf vollführe ich meine ersten Laufschritte seit Wochen. Zuerst hatte der Körper vergeblich um Pause gebettelt. Doch irgendwann hat die gequälte Lauferei einfach keinen Spaß mehr gemacht, so dass auch der Kopf einsah, dass der ganze Kerl mal eine Laufpause braucht. Und so hatte ich mir Urlaub vom Laufen genommen.
Wettkampfposter mit Höhenprofil

Insofern sind heute keine Großtaten zu erwarten. Der Gewinner des Vorjahres hatte 49 Minuten gebraucht.  Ich sollte mit einer Durchschnitts-Pace von 4:50 min/km unter einer Stunde bleiben können.

Inzwischen brezelt die Sonne. Die Temperaturen dürften jenseits der 20-Grad-Marke angekommen sein. Im Ziel werden es über 30 Grad sein. Daher fällt mir schon das leichte Auf-und-Ab auf den ersten Kilometern nicht leicht. Die zweite Frau zieht gämsengleich vorbei. Ich versuch es gar nicht erst. Schon bald überholt mich die Dritte. Ihr Laufstil zatopekscher Anmutung führt, wie beim Original, zu hoher Geschwindigkeit. Auch zu schnell für mich. Als sich Dame Nummer Vier an meiner Seite zeigt, kann ich mir endlich den nötigen Arschtritt verpassen. Sie verschwindet wieder im toten Winkel.

Doch bald schon nerven neue Schritte am Heck. Unheimlich laut knallt das stollige Profil zweier Salomon-Trailschuhe auf den Asphalt. Wann immer es geht, weicht ihr Träger neben die Bergstraße aus, um die Noppen zu schonen. Nur 30 Prozent Trail sind für diesen Lauf ausgeschrieben. Bergauf geht es mittlerweile aber trotzdem, und zwar konstant. Konstant bleibt auch der jugendliche Salomon-Jünger an meiner Seite. Er wird später Drittplatzierter der Kategorie "Kadetten". Mit den Altersklassen funktioniert das hier ein wenig anders. Der Franzose kennt zum Beispiel noch Junioren, Senioren und Veteranen, wie mich, sowie die noch älteren Masters.

Da geht es hoch
Wieder werde ich von einem Läufer überholt. Doch diesmal ist es kein bergerfahrener Einheimischer. Das Shirt weist seinen Träger als Niederländer aus. Wie bitter ist das denn, wenn einen hier sogar die Flachländer überholen?

"Ravitaillement 100 m", heißt es auf einem Schild. Französisch müsste man können! Liest sich irgendwie wie "Revitalisierung". In 100 Metern muss ich hoffentlich noch nicht wiederbelebt werden. Was dann folgt, ist auch kein Rot-Kreuz-Zelt, sondern ein Verpflegungspunkt. Da ich zum Trinken nicht stehen bleibe, kann ich den Kadetten abschütteln. Dass ich bei diesem Lauf zu keinem Zeitpunkt stehen bleibe oder ins Gehen verfalle, bleibt der einzig positiv zu verbuchende Punkt. Von der herrlichen Aussicht hier oben mal abgesehen. Aber wo sind denn jetzt die Dolmen? Stattdessen weist ein Schild auf die Bergwertung in 500 Metern hin. Naja, der Bergmeister dürfte längst ermittelt sein. Immerhin sind wir jetzt oben.

Der Geher, den ich am Berg mühselig überholt hatte, pfeift von hinten an mir vorbei zu Tale. Ich dachte, ich hätte die Quälerei endlich hinter mir, da überholt mich die vierte Frau! Wenigstens ist es inzwischen eine andere. Ich hänge mich an ihre Fersen. Die Oberschenkel brennen bei jedem Schritt ins Tal. Trotzdem, der Abstand wird größer!

Dann, man kann den Zielbereich im Ort schon hören, laufen wir in den Park ein, der um die "Source du Pecher" angelegt wurde. Schmale, ausgewaschene Pfade und Zwielicht unter den Bäumen bilden einen Kontrast zu dem sonnengefluteten Asphalt, auf dem wir eben noch unterwegs waren. Jeder Schritt erfordert Konzentration. Traillaufen eben. Endlich fängt das an hier Spaß zu machen! Als ich kurz aufblicke, sehe ich die Dame hinter dem Absperrband. Sie muss geradeaus gelaufen sein, anstatt scharf nach links unten abzubiegen. Wieso das Band noch intakt ist, bleibt mir ein Rätsel. Obwohl sie noch vor mir wieder auf die Strecke zurück findet, hat sie das Ereignis wohl so weit durcheinander gebracht, dass sie sich nicht wehrt, als ich die Chance nutze. Der Jubel der Zuschauer beim Zieleinlauf gilt natürlich ihr. Daher weiß ich sie stets in meinem Rücken und kann wenigstens auf den letzten Metern richtig kämpfen.

Für meine selbst auferlegte Stundenvorgabe bin ich dennoch 45 Sekunden zu langsam. Der Veranstalter spendet direkt an der Ziellinie Trost, indem er jedem Finisher eine Flasche Wein in die verschwitzte Hand drückt.

Der Holländer setzt sich zu mir in den Schatten. Endlich mal einer der Englisch spricht! Wie Rotkäppchens Großmutter werden wir im Zielbereich mit Kuchen und Wein versorgt. Es gibt auch Eistee. Der macht seinem Namen alle Ehre, denn er ist wirklich tiefgefroren. Zähflüssig, süß, eiskalt - genau das, was man jetzt braucht!

Laufprämie
Dann taucht auch schon der Junior auf. Er verspricht sich eine Altersklassenplatzierung, vermutlich unter den französischen "Benjamins". Doch als die Ergebnisliste ausgehängt wird, steht er überhaupt nicht drauf! Als wir nachfragen, muss - wie stets - erst mal der Englischkundige gesucht werden. Wie ebenfalls immer, findet sich ein solcher. Wir verstehen, dass mein Sohn zu jung für diesen Lauf ist, und nicht offiziell gewertet werden kann. Bei der Siegerehrung wird er dennoch ausgezeichnet und erhält zusätzlich zu seinem Finisher-Wein (für den er wiederum alt genug ist) ein Paket regionaler Produkte mit Wurst, Schafskäse und geminzter Johannisbeer-Marmelade.

Wir haben heute weder Dolmen gesehen noch Bestleistungen abgeliefert, aber die Startgebühren, die haben wir mehr als wieder rein. Laufen wie Gott in Frankreich!

Montag, 4. Juli 2016

Bergischer 6 Stundenlauf

Das Pulsmesser rennt jedem Rock hinterher. Als mich die führende Frau überholt, werfe ich alle guten Vorsätze über Bord und hänge mich dran. Eigentlich habe ich 60 Kilometer für den heutigen "Bergischen 6 Stundenlauf" geplant. Wenigstens will ich jedoch eine Ultrastrecke laufen. Ein Schnitt um Sechs Minuten pro Kilometer wäre demnach angemessen.

Eschbachtalsperre nach dem Lauf

Nun jage ich aber der Frau in einer guten 5er Pace hinterher. "Sollte auf der flachen Strecke auch möglich sein.", versuche ich mir Mut zu machen. Wenigstens meinen Plan, aller drei Runden zu verpflegen, halte ich ein. Nach meinem kurzen Stopp ist die Dame entschwunden. Ein Glück! Das befreit mich von meinem Verfolgungswahn. Nun kann ich die Runden um die Eschbachtalsperre im eigenen Tempo zuckeln.


Ausgeschrieben war ein "3km-Rundkurs (2800m) auf festem Waldboden." Nach den starken Regenfällen der letzten Nacht kann von festem Waldboden an vielen Stellen keine Rede mehr sein. So kommt auch der Trailfreund auf seine Kosten. Und die 2800 Meter langen drei Kilometer werden später auf 2900 Meter korrigiert. Diese Mehrleistung nehme ich natürlich gerne in die Bücher auf.

Meine private Strecken-Messung versagt heute völlig. Ohne Zweifel setzt irgendwann mein Verfall ein. Aber als mir die Uhr eine Pace um 9 Minuten vorgaukeln will, schenke ich ihr keinen Glauben mehr. Ich wechsele die Anzeige einfach auf Rundenzahl und Laufzeit. Auf Basis der krummen Rundenlänge rechnet es sich allerdings nicht so toll - schon gar nicht mit einem unter akuter Blutarmut leidenden Gehirn.

Wer misst, misst Mist

Der Drei-Runden-Verpflegungsplan ist längst aufgegeben, der kühle Morgen einem sonnigen Tag gewichen. Die kleinen Schauer werden dankbar als Kühlung angenommen. Ich muss inzwischen nach jeder Runde meine Kehle netzen. Das erhöht irgendwann den Druck auf die Blase in den unangenehmen Bereich. Dabei hat uns am Morgen der Organisator Oliver Witzke, tollkühn rittlings auf der Staumauer sitzend,  das "Miktieren und Defäkieren an der Strecke" ausdrücklich untersagt. "Also, ihr dürft unterwegs nicht Pissen und Scheißen!" Da hatten es dann wohl alle begriffen. Danach hat der Oli uns alle wie eine Schulklasse zum gemeinsamen Toilettenbesuch geführt. Nahe der Strecke stehen uns in einem kürzlich renovierten Motel die edelstens und umfangreichsten WCs zur Verfügung, die ich je bei einem Lauf benutzen durfte.

Ausreichende Streckenbewässerung *

Noch gut eine Stunde ist zu laufen. Die 60er-Marke rückt in greifbare Nähe, als plötzlich unter heftigem Hagel ein Wolkenbruch niedergeht.  Einige suchen vergeblich Schutz unter einem der Bäume. Andere Läufer werden mit Schirm auf der Strecke gesehen. Dieses Accessoire scheint sich langsam in den Läuferkreisen zu etablieren. Schon vorige Woche im zwölfstündigen Dauerregen des 24-Stundenlaufs wurde der Paraplü benutzt. Ich erwarte schon den Tag, an dem der Schirm zur vorgeschriebenen Pflichtausrüstung bei den ganz harten Trails zählen wird.

Zum Schluss zeigt sich mal wieder, dass Ultralaufen reine Kopfsache ist. Die letzte Runde kann ich nochmal recht hurtig angehen. Beim Schlussknall fehlen mir 207 Meter zur Vollendung der 22. Runde. Mit 63.593 Metern darf das Tagessoll dennoch als erfüllt gelten.


*Foto: Jo Klingone


Donnerstag, 30. Juni 2016

Auf Lang folgt Kurz - b2run 2016

"Jetzt haben die einfach die Strecke verlängert! Aber ich habe doch nur für fünfeinhalb Kilometer trainiert!" Es gehört zu den Eigenarten eines Firmenlaufes, dass solche Klagen in den ersten Reihen des vordersten Startblocks zu hören sind,

Kein Bedarf - mit meinem Namen bin ich recht zufrieden

Trotzdem gelingt der Start ohne größeren Stau. Mein Bestreben, dem Pulk zu entfliehen, scheint dennoch ein wenig zu intensiv zu geraten. "Mir klebt die Zunge am Gaumen" war bisher einfach ein Spruch. Nun erlebe ich es buchstäblich. Noch nie hatte ich einen so trockenen Mund. Ich denke bereits auf dem ersten Kilometer an die Wasserstation, die sich etwa auf der Hälfte des rund sechseinhalb Kilometer langen Kurses befindet. Man kann doch auf so einer kurzen Distanz nichts trinken müssen! Mit einer Pace von 3:24 bin ich den ersten Kilometer ganz offensichtlich zu schnell angegangen. Vier Minuten hatte ich  - angesichts der Vorbelastung und des fehlenden Tempotrainings - für eine realistische Geschwindigkeit gehalten.

Nach der Korrektur des Tempos kann ich trotzdem noch ein wenig im Feld nach vorne laufen. Dabei kommt als Positionsindikator die dritte Frau in Sicht. Auch an ihr ziehe ich noch vorbei. Dann passiert es. Nach drei Kilometern packen mich fiese Seitenstiche.

Es gibt keine Alternative. Nur durch Temporeduktion werde ich mich aus diesem hässlichen Zangengriff befreien können. Alle ziehen sie wieder an mir vorbei. Auch die Frau.

Zwei Kilometer schleppe ich mich schmachvoll dahin. An der Fünf-Kilometer-Fahne kneift die Zange nicht mehr ganz so arg. Mein aktueller Überholer wundert sich vermutlich ob meines sich mehr und mehr steigendernden Tempos. Er wehrt sich erstaunlich lange.

Aber ich kann weiter Geschwindigkeit aufnehmen. Die Gesamt-Pace sinkt zurück unter vier Minuten. Die Frau wird eingesammelt. Und dann bin ich auch schon im Ziel. 25:32.1 habe ich diesmal benötigt.

Medaille 2016
Den Titel als Firmen-Schnellster konnte ich damit verteidigen. Doch für die Sensation sorgt mein Sohn, der trotz seines 24-Stundenlaufs hier mit an den Start ging. Er wird Zweiter!

Wird der Junior im nächsten Jahr vor seinem Erzeuger ins Ziel laufen?

Jetzt erstmal die Füße hochlegen

Montag, 27. Juni 2016

Nach mir die Sintflut - Der 24 Stundenlauf in Breitscheid

Oh, dieser betörende Duft! Nein, ich meine nicht das spezielle Odeur, das ein Läufer nach stundenlanger Belastung ausdünstet. Es riecht nach Rosen. Vielleicht sind es auch andere Blumen. Auf jeden Fall irgendein herrlicher Blütenduft. Sobald der Übergang vom Wäldchen zum Heckenbestand auf der Breitscheider 5-km-Runde geschafft ist, überkommt mich diese olfaktorische Wahrnehmung. Doch keiner will sie mit mir teilen! Betty meint, ich würde bereits halluzinieren. Immerhin, die Glühwürmchen sieht sie auch!

Der Beginn einer jeden Runde

Angesichts der feuchten Hitze und der vorhergesagten Unwetter habe ich mir diesmal keine neuen Großtaten vorgenommen.  Außerdem befürchte ich, dass sich die Sehnen wieder melden und so zum limitierenden Faktor werden. Zumindest soll aber die Nacht durchlaufen werden, dann die 100 km anvisieren und danach mal sehen. Es wird sich zeigen, dass "mal sehen" ein ganz schlechter Motivator ist.

Zunächst läuft es gut, ich liege sogar kurzzeitig in Führung. Doch schon die Runde auf dem Weg zum Marathon lässt mich kämpfen. Ganz schlecht, in Anbetracht der immensen noch vor mir liegenden Zeit. Der mentale Tiefpunkt ist auf der 65-km-Runde erreicht. Die Pace liegt mittlerweise bei 10 Minuten. Ich schlendere nur noch dahin. Selbst zu schnellem Gehen kann ich nicht aufraffen. Dabei tut mir noch nicht einmal irgendwas weh. Die Beine wollen einfach nicht mehr. Oder ist es eigentlich der Kopf?
Ultraverpflegung

Ich sitze 25 Minuten im Verpflegungszelt und hadere mit der Welt. "Nie wieder laufe ich weiter als 100 km!" "Und jetzt höre ich erstmal auf und lege mich hin." Gebrochen schleppe ich mich zu meiner Matte. Dort wähne ich auch meinen Sohn, der sich ein paar Stunden ausruhen wollte. Doch seine Lagerstatt ist verwaist! Wenn der knapp 15-Jährige das hier durchzieht, um sein ehrgeiziges 100-km-Ziel zu erreichen, kann ich mich ja wohl auch nicht lumpen lassen! Also doch weiter.

Die Sehnen spielen wunderbar mit. Trotzdem bekomme ich die Beine kaum vom Boden. Salzverkrustet trotte ich unter dem riesigen, dunkelgelben Halbmond dahin. Bei meinem jetzigen Tempo ist absehbar, dass ich die 160 km vom Vorjahr diesmal keinesfalls erreichen, geschweige denn toppen werde. Und irgendeine Zahl zwischen 100 und 160 bedeutet mir nichts. Ich fasse einen Entschluss: "Bei 100 hörst du auf!" Das lässt mir auch noch ein paar körperliche Reserven für den Firmenlauf am Dienstag und für den "Bergischen 6-Stundenlauf" am nächsten Samstag, für den ich mich in planloser Euphorie eingeschrieben hatte.

Im Morgengrauen ist dann alles egal. Ob ich mit den 100 nun gleich oder etwas später fertig bin, ist irgendwie nicht relevant. Ich wandere mal wieder. Plötzlich Schritte von hinten. Mein eigener Sohn holt mich ein! Das musste ja eines Tages passieren.

Gemeinsam bringen wir die Runde gut gelaunt zu Ende. Ich bin jetzt gelöst und rundherum zufrieden mit meinem Entschluss. Wie zur Bestätigung fängt es an zu gießen, kaum dass ich die Startnummer nach dreizehneinhalb Stunden abgelegt habe. Und es wird bis zum Ende der Veranstaltung in unverminderter Stärke weiterregnen. Nach mir die Sintflut!

Die Zeltwiese

Doch weder die neue Wetterlage noch mein Zureden können den Nachwuchs vom Weiterlaufen abhalten. Hatte er bisher unter seiner selbst auferlegten Bürde gelitten ("Ich mache hier nie wieder mit!"), so ist mittlerweile absehbar, dass er sein Ziel von 100 km tatsächlich erreichen kann. Entsprechend guten Mutes ist er. Er verschwindet im Regen.

Zurück bleibt ein Vater mit schlechtem Gewissen. Müsste ich dem Jungen nicht beistehen und ihn begleiten? Doch der Sprössling hat sich seine Vorgabe selbst gesteckt, und er zieht es allein durch. Ein Jüngling auf dem Weg zum Manne.

Mein Sohn!