Montag, 13. März 2017

Mallorca Trails

Technisch schwierige, schmale Wege, Steine, jede Menge Steine, Höhenmeter und Meer - das ist Trailrunning auf Mallorca.


"Einfach nur Laufen" - dieser Slogan spricht mich sofort an. Und dann noch auf meiner Lieblingsinsel! Und so wird eine Woche "Mallorca Trails" gebucht.


Fünf geführte Touren durch das Tramuntana-Gebirge inklusive Shuttle-Bus und Verpflegungsstationen sind im Angebot. Meist folgt die Strecke dem GR221. Auf lange Aufstiege folgen halsbrecherische Downhills. Und umgekehrt.

Die erstaunlich homogen leistungsstarke Gruppe treibt die Guides vor sich her. Und abends werden vorm Kaminfeuer oder auf der Strandterrasse die Wunden geleckt und die Erlebnisse zu Heldengeschichten stilisiert. Wetter und Trails sind so genial, dass auch der Ruhetag zum Laufen genutzt wird, wenn auch in regenerativem Tempo. Aus Trailrunning wird Speedhiking. Apropos Wandern, unbezahlbar sind die Blicke der Wanderer, wenn wir an ihnen vorbeirennen. Sind die Wanderer darüber hinaus auch noch unfreiwillig unterwegs, wie der in unserem Hotel abgestiegene Taz-Reporter, dann bleibt es nicht bei Blicken.


Die Veranstaltung kommt meiner Idealvorstellung von Urlaub schon sehr nahe: nach ein paar Stunden der Anstrengung in herrlicher Natur guten Gewissens am Pool liegen - in einer Hand einen frisch gepressten Orangensaft, in der anderen ein gutes Buch und die Sonne im Gesicht.


Fotos: Roland Degenhard, Till Schneemann

Donnerstag, 2. März 2017

Jokertrail 2017


Was für ein Auftakt! Kurz nach dem Start des Jokertrails auf dem Heidelberger Kornmarkt führt der Kurs auf einer Strecke von rund 1,5 km etwa 400 Höhenmeter hinauf - über 1600 Stufen! Auf die Treppe zum Schloss folgen 1200 grob behauene Steinquader der sogenannten Himmelsleiter. Und schon ist man auf dem Gipfel des Königstuhls!

Der nächste Höhepunkt der 50 km langen Strecke lässt nicht lange auf sich warten. Auf anspruchsvollen Trails geht es hinab durch das Felsenmeer. Später folgen wir einer Waldautobahn. Im allerletzten Moment sehe ich auf der Karte meines GPS-Receivers, dass wir in einen kleinen Pfad abbiegen müssen, der abwärts zu den Klippen über dem Neckar führt. Meinen temporären Begleiter, der wie viele andere nur mit der Wurm-Navigation seiner Sportuhr auf der nicht markierten Strecke unterwegs ist, kann ich noch rechtzeitig auf den Abzweig aufmerksam machen. Andere verpassen den Abstecher. Als wir uns auf verschlungenen Pfaden wieder aufwärts kämpfen, sehen wir über uns auf der Waldautobahn einen ganzen Pulk vorüberziehen. Ab diesem Moment bin ich geneigt der künftigen Ergebnisliste nicht allzu viel Beachtung zu schenken. Es wird mich etwa eine Stunde kosten, den Pulk wieder zu überholen.

Startplatz ist der Kornmarkt unterhalb des Schlosses

Bald sind wir zurück am Ufer des Neckar, überqueren diesen und stärken uns am ersten von drei Verpflegungspunkten. Hier bei Kilometer 15 registriere ich, dass wir bereits die Hälfte der ausgeschriebenen 2000 Höhenmeter im Sack haben. Trotzdem geht es jetzt noch einmal ordentlich bergauf, denn nun erkunden wir die Hügel der anderen Uferseite. Und wie vorhin auf der Himmelsleiter geht es wieder ohne Serpentinen direkt nach oben.

Am Berg steht ein ratloser Läufer. Sein GPS-Gerät ist ausgefallen. Ein Stück kann ich ihn mitnehmen, dann fällt er zurück. Wenig später leitet der Track in einen mit frisch gefällten Bäumchen verstellten Rückeweg  - natürlich bergauf. Als ich mich oben gerade aus dem Unterholz rappele, trabt von links, auf breitem Fahrweg kommend, ein Mitstreiter vorbei. Offenbar halten sich nicht alle so hündisch an den Track wie ich, bringen sich dabei aber um die eigentlichen Trail-Erlebnisse.

Der nächste Verpflegungspunkt bei km 24 ist wenig später erreicht. Ab hier ändert sich der Charakter des Laufes. Völlig allein trabe ich durch den sonnendurchfluteten Wald. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass das hier wie ein schöner Sonntags-Trainingslauf ist, und muss mich zwingen, ein bisschen auf's Tempo zu drücken. Meine Überheblichkeit wird auch prompt bestraft. Mit dem Profil des Schuhs bleibe ich an einem unter Laub verborgenen Stein hängen und stürze Kopf voran zu Tale. Adrenalin! Um Haaresbreite kann ich einen Sturz verhindern.

Teltschikturm - wird nur passiert, nicht bestiegen

Ich fühle mich gut, habe mir die Kräfte offenbar vernünftig eingeteilt und rechne optmistisch meine Zielzeit hoch. Ich will unter sechs Stunden bleiben, und das klappt! Nur noch fünf Kilometer bis zum VP bei km 40, und ab da 11 km abwärts in Ziel. Abgelenkt durch solche Gedanken, vergesse ich nach dem Abbiegen zu kontrollieren, ob ich tatsächlich auf dem Track bin. Bin ich nicht! Sinnlose Höhenmeter geschrubbt. Schnell wieder runter!

Nachdem der Lauf auf den ersten 15 km seine Sensationen offenbar verpulvert hat, will ich die Schleife zwischen den beiden letzten VP's fast ein wenig langweilig finden und denke: "Verglichen mit dem Anfang ist das hier ja Wellness!" Da dreht die Route nochmal ordentlich auf. Auf "ehemaligen Wegen" wird wieder serpentinenfrei direkt nach oben gelaufen (andere nennen die Stelle "Arschloch-Berg"). Der hüfhohe Bewuchs entsprießt einem bachdurchweichten Boden. Der Wassereinbruch im Schuh löst zwei Empfindungen aus, die interessanterweise sequentiell mit einigem zeitlichen Abstand eintreten. Auf "Huch, wie nass!" folgt "Argh, wie kalt!" Offenbar befand sich die Brühe erst kürzlich noch in festem Aggregatzustand.

Als ich endlich bei Kilometer 40 die Schleife beende und noch einmal den VP erreiche, macht sich eine gewisse mentale Erschöpfung bemerkbar. Die Karte ist zugeschmiert mit dem Track und meiner gelaufenen Route. Beide habe ich dummerweise auf dieselbe Farbe gestellt. Außerdem sieht der Parkplatz von dieser Seite so anders aus, dass ich nichts wiedererkenne. Klar scheint nur, dass ich nach rechts abbiegen muss, um die letzten 11 Kilometer zum Ziel in Angriff zu nehmen. Kurzerhand entschließe ich mich, direkt weiterzulaufen, anstatt die 100 Meter Umweg zum mutmaßlichen VP auf mich zu nehmen. Immerhin habe ich noch einen Riegel und einen halben Liter Iso am Mann. Das ist mehr als ich brauchen werde. Verwirrenderweise kommt mir jetzt ein Läufer entgegen! Während ich noch grübele, ob ich fälschlicherweise in den Hinweg eingebogen bin, ruft er mir zu, er habe seine Stöcke am VP stehen lassen.

Ich bin also richtig, die Sonne scheint, es geht bergab. Guten Mutes mache ich mich an den Endspurt. Wenn nur die Oberschenkel nicht so brennen würden! An steilen Stellen kann ich mich nur sehr viel langsamer zu Tale tasten, als ich möchte. Ganz anders der Vergessliche! Mit schnellen Schritten zieht er - nun mit Stöcken - an mir vorüber. Diese Gehhilfen Laufhilfen hätte ich jetzt auch gerne!

Doch auch der Stockmann navigiert nur mit seiner Uhr. An Weggabelungen stochert er immer so lange herum, dass ich ihn jeweils einhole, und wir gemeinsam den rechten Weg nehmen. Letztlich laufen wir als Duo. Aus dem Laufpartner wird ein Gesprächspartner. Überraschenderweise kommt doch noch ein langgezogener Anstieg. Allerdings ist er nicht steil genug, um in meinen Augen Gehen zu rechtfertigen. Mein Partner sieht das anders und schickt mich voraus.

Blick vom Philosophenweg auf Altstadt, Schloss und Königstuhl

Final geht es nur noch abwärts. Ich fühle mich wie Moses, schließlich komme ich gerade vom Heiligenberg herunter. Sollte wohl künftig mit Sandalen laufen. Mit meiner Weissagungskraft hapert es allerdings noch. Der Track passt hier irgendwie weder zum Wegegeflecht auf der Karte, noch zu dem in der Realität. Nach einigem sinnlosen Hoch und Runter finde ich den richtigen Pfad und stoße dort auf den Mann mit den Stöcken. Wir befinden uns jetzt auf der sonnigen Höhe des Philosophenwegs, von wo aus sich ein herrlicher Blick auf den Neckar, das Schloss und die Heidelberger Altstadt bietet. Noch viel besser: das Ziel ist damit in Sicht!

"Schlangenpfad" heißt der gewundene, kopfsteingepflasterte Hohlweg ins Tal. Während ich versuche, schmerz- und stolperfrei nach unten zu gelangen, enteilt mein Partner stöckeschwingend. In der Altstadt kann ich wieder aufschließen, sodass wir uns zusammen zwischen den Gruppen überrascht dreinblickender asiatischer Touristen durchmogeln und gemeinsam das Ziel erreichen.

Das Ziel ist die Rezeptionsstube eines Backpacker-Hostels, wo unsere Laufzeit ganz offiziell mit einem Blick zur historischen Wanduhr als 5:34 ermittelt wird. Der Garmin am Handgelenk erweist sich als optimistischer und zeigt 5:31:52. So oder so ist die persönliche Vorgabe von "sub 6 h" deutlich getroffen. Somit kann nun dem Vorbild von "Vater Rhein" gefolgt werden, der im Heidelberger Schlosspark vorlebt, wie man so richtig regeneriert.

Vater Rhein im Schlosspark Heidelberg







Montag, 13. Februar 2017

Bergischer Wupperlauf


Wenn man sich zu einem von Oliver Witzke organisierten Lauf anmeldet, macht man nie einen Fehler. Sein "Bergischer Wupperlauf" ist so cool, dass es sogar schneit [1]. Bei solchen winterlichen Bedingungen zittert das Teilnehmerfeld üblicherweise dem Start entgegen. Hier jedoch reißen sich die Läufer paradoxerweise die Kleider vom Leib, was bei Erfrierenden ein Zeichen der sogenannten Kälteidiotie ist. Heute gibt es dafür aber einen weniger dramatischen Grund. Oliver hat als Start- und Zielgebäude das gut geheizte "Gartenhallenbad" in Wuppertal organisiert.

Bei der Veranstaltung handelt es sich nicht um einen Wettkampf, sondern um einen Freundschaftslauf. Das kommt mir sehr entgegen. Muss ich mich doch nach einer winterlichen Infekt- und Schwächephase erst wieder vorsichtig an die Langdistanz herantasten. Mehr als 30 Kilometer bin ich in diesem Jahr noch nicht am Stück gelaufen. KEU, DSD-Crosslauf und Hivernaltrail mussten ausfallen. Heute soll der erste Marathon in 2017 aber endlich gelaufen werden!

Der frisch verschneite Wald ist ein Traum! Und Olis Strecke ist es auch. Weitestgehend sind wir auf der Route des Wupperbergemarathons unterwegs. Somit wundert es nicht. Allerdings ist die Wegführung mit 1200 Höhenmetern heute nicht ganz so verschärft, wartet aber mit einem erfreulich hohen Single-Trail-Anteil auf. Bei rund 200 Läufern führen solche Engstellen gelegentlich zu Stau. Ebenfalls nicht ganz unschuldig daran sind Hindernisse, wie umgestürzte Bäume oder zu querende Bäche. Eigentlich hatte ich die wasserdichten Socken wegen des zu erwartenden Schneematsches angezogen, aber in den Furten bewähren sie sich noch mehr.

Streckenkundige Guides führen uns von VP zu VP. Es handelt sich denmach um "Betreutes Laufen mit Vollpension". Mein Menü stelle ich mir aus dem üppigen Angebot zusammen. Ich nehme "Banane an Studentenfutter auf einem Bett aus Salzstangen". Dazu lasse ich mir "Heißen Aufguss heimischer Kräuter" reichen.

Erst auf den letzten elf Kilometern sind wir auf uns gestellt. Ab jetzt ist die Strecke markiert, so dass jeder sein eigenes Tempo wählen darf. Letztens sah ich einen Film. Handlung und Titel sind längst vergessen, aber in Erinnerung blieb ein Zitat. "Wie buchstabiert man Liebe? Z-E-I-T. Neunzig Prozent der Zeit mit deinen Kindern verbringst du mit ihnen bis zu ihrem 12. Lebensjahr." Mit diesen Zeilen und dem Wissen im Hinterkopf, dass die Familie zu Hause mit dem Kaffeetrinken wartet, spute ich mich. Nach 5:01:54 erreiche ich das Gartenbad, wo sich Oli erstaunt zeigt, schon einen Finisher zu sehen.

Nun könnte ich den mageren Leib von den warmen Fluten des Hallenbades umspülen lassen oder in der Sauna versuchen, noch ein paar verbliebene Schweißtropfen hervorzubringen. All das ist in der Startgebühr inkludiert. Eingedenk der oben genannten "Family-Run-Balance" verzichte ich jedoch sogar auf die Dusche und sitze dafür pünktlich am heimischen Kaffeetisch.

[1]: frei nach Udo Lindenberg, Coole Socke
Fotos: Ralf Lindemann

Montag, 9. Januar 2017

Ratinger Neujahrslauf 2017

Der Kevelaer Marathon und der Ratinger Neujahrslauf fallen dieses Jahr auf denselben Tag. Eine Entscheidung muss getroffen werden, die zugunsten der Ratinger Veranstaltung ausfällt. Zu verlockend ist die späte Startzeit des 10-km-Hauptlaufs von 13:00 Uhr. Ausschlafen trotz sonntäglicher Wettkampfteilnahme!

Nur noch leicht benebelt trabe ich zum Start, denn der Morgendunst hat sich mittlerweile weitestgehend aufgelöst, was auch den ganz schnellen Sprintern genügend Sichtweite gewähren sollte. Das Blitzeis des Vortages ist bei 2 Grad getaut. Angesichts absoluter Windstille kann man die Rahmenbedingungen also nicht beklagen.

Benebelt: Die Ratinger Kirchturmspitze
Der erste Kilometer gerät mir für mein "sub 40 min"-Ziel etwas zu schnell. Ich zügele mich, bis das Trio um Ratingens schnellste Frau, das mit identischer Zeitvorgabe angetreten ist, zu mir aufschließt. Gemeinsam nehmen wir den Anstieg von sagenhaften 23 Höhenmetern in Angriff, der auf jeder der drei Runden auf uns lauert. Diese scheinbar vernachlässigbare Höhendifferenz genügt aber, um uns gehörig auszubremsen. Achtsiebzehn zeigt die Uhr an der Dreier-Marke für die beiden letzten Kilometer. Erschrocken beschleunige ich und setze mich damit vom Trio ab.

Was dem Esser das Auge, ist dem Läufer der Kopf. Der Kopf läuft mit! Und mein Kopf läuft heute sehr brav mit und signalisiert mir bei Kilometer Vier, dass ich das gewählte Tempo bis ins Ziel halten und die gewünschte Zeit erreichen werde. Derart positiv gestimmt, wird Kilometer Fünf mit einem innerlichen "Schon die Hälfte!" quittiert.

Obwohl die Anstiegs-Kilometer weiterhin mit knapp über vier Minuten zu Buche genommen werden müssen, bleibt genug Polster. Denn es geht ja auch wieder "runter", wodurch ich diese Segmente mit rund 3:45 laufe.

Siggi der Bergische Löwe im Ziel (Archivbild 2016)
Die Kraft reicht für einen Endspurt. Dadurch wird die letzte Zwischenzeit die schnellste. Nach insgesamt 39:22 laufe ich hochzufrieden ins Ziel, denn das ist persönlicher Streckenrekord auf dem Ratinger Kurs. In der Altersklasse reicht Platz Sieben für die Top Ten, und im Gesamteinlauf bedeutet der 53. Platz eine Platzierung unter den ersten zehn Prozent der 554 Finisher. Ein gelungener läuferischer Jahresbeginn! Anscheinend waren die mehr als 4000 gelaufenen Kilometer in 2016 doch für irgendwas gut.

Letztens wurde ich von einem Leser ob solcher Protzerei der Selbstbeweihräucherung geziehen. Daher soll nicht unerwähnt bleiben, dass nicht nur zwei Herren der M60 vor mir finishten, sondern auch Siggi der Bergische Löwe. Siggi war deutlich vor mir im Ziel, obwohl der Läufer die ganze Strecke in einem Löwenkostüm steckte!

Montag, 19. Dezember 2016

Blegny – Trail des Gueules Noires


Zwei junge Männer mit rußgeschwärzten Gesichtern stehen neben mir an der gedachten Startlinie. "Poser!", denke ich, bevor mir aufgeht, dass wir hier beim "Trail der schwarzen Gesichter" zu Gast sind. Die Veranstalter wollen damit der belgischen Steinkohleförderung in Blegny gedenken. Und natürlich führt der Track auch über die Halde des ehemaligen Bergwerks. Schließlich wollen die knapp 2000 Höhenmeter auf den 53 Kilometern irgendwie gesammelt sein.

Sieht man sonst vor einem Lauf reihenweise emporgereckte Uhren um GPS-Empfang ringen, bleiben die belgischen Trailliebhaber ganz entspannt bis zur letzten Minute ausnahmslos in der gut geheizten Anmeldehalle. Bei drei Grad will niemand draußen herumbibbern, auch wenn es trocken und nahezu windstill ist. Außerdem befindet sich der Start direkt vor der Tür.
Halde Blegny - der Anstiegswinkel ist gut zu sehen
"Bin ich im falschen Film? Ich wollte doch keinen Städtemarathon laufen!" Es geht hinter einem Führungsfahrzeug auf Asphalt durch den Ort! Nach wenigen Hundert Metern folgt dem Schrecken die Erleichterung. Eine Dame im Weihnachtsdress weist uns den Weg ins belgische Farmland. Das erste von ungezählten Weidegattern ist zu passieren.

Es verspricht, ein herrlicher Tag zu werden. Das weiche Morgenlicht der aufsteigenden Sonne fällt auf bachdurchmurmelte Wiesen, und blattlos baumbestandene Weiden. Immer wieder säumen protzige Landgüter den Pfad. Da bist du nur ein paar Kilometer hinter der deutschen Grenze, und schon sieht alles ganz anders aus!

Die knöcheltief zertrampelten Gehege sind kein einfacher Untergrund, aber noch geht es flach dahin. Bis die Halde in ihrer dreckigen Pracht am Horizont auftaucht! Kaum hochgequält, führt die Markierung neben einer Treppe wieder im rutschig-feuchten Abraum hinab.

Halde Blegny
Es folgt eine schier unendliche Aneinanderreihung kleiner Geheimtipp-Pfade. Und wo so ein Tipp gefehlt hat, schickt uns der Streckenverantworliche einfach weglos durchs Gehölz. Ich meine eine gewisse Vorliebe des Meisters für Hohlwege zu spüren. Es ist steil, es ist wurzelig, rutschig, steinig, schlammig, nass. Ja, ein bisschen Asphalt ist auch dabei. Und der ist gefährlich, weil morgens noch überfroren. Auch auf feuchtem Kopfsteinpflaster will der Terraclaw 220 an meinem Fuße nicht greifen.


Ansonsten funktioniert meine - nach dem Test letzte Woche - optimierte Ausrüstung. Die breiten, losen Riemen der Salomon-Gamaschen habe ich einfach rausgeschnitten und durch Draht ersetzt. Im Gegensatz zum Gummiriemen lässt der sich zwischen den Profilstollen verlegen. Dadurch sitzen die Gaiters fest und rutschen nicht hoch. Schlamm, Dreck und Steine bleiben draussen.

Inov-8 Terraclaw 220 mit gepimptem Salomon Gaiter Low
Aber Wasser kommt natürlich trotzdem rein. Und dafür gibt es so reichlich Gelegenheit, dass ich zwischenzeitlich bereue, keine wasserfesten Socken angezogen zu haben. Oft genug führt die orange Klebeband-Streckenmarkierung durch nasses Gras oder schlammige Wiese. Aber mehrfach sind auch Bäche steglos zu passieren. Einmal ist das ganz besonders fies. Ich renne den Brückenkopf hoch, nur um dort oben feststellen zu müssen, dass die zugehörige Brücke fehlt und ein Sprung in den Bach unvermeidlich ist.

Eine besonders steile Stelle klafft als Abgrund irgendwo in einem Grubengelände. Mein Vordermann weiß sich nicht anders zu helfen, als sich hinzuhocken und sich mit den Händen zu Tal zu schieben. Die Technik muss ich mir merken! Das Ganze gibt es in diesem extremen Winkel hin und wieder auch anders herum. Dort geht es dann nur auf allen Vieren hoch.


Gefühlte 20 Kilometer läuft ein etwas älterer Trailfreund direkt in meinem Kielwasser. Immer wieder macht er mit lauten Rülpsern auf sich aufmerksam. Als es wieder einmal weglos durchs Unterholz geht, lässt er kein Bäuerchen, sondern einen markerschütternden Schrei vernehmen. Ich laufe sofort zurück, da hat er sich nach seinem Sturz schon wieder aufgerappelt, hält sich aber das Bein. Dennoch folgt er mir weiter, lässt aber immer wieder Schmerzenslaute hören. Fassen wir also zusammen, der Mann ist älter, der Mann ist verletzt. Und trotzdem hängt er mich irgendwann an einem Hang ab. Er humpelt schneller, als ich gehen kann!


Obwohl ich den Lauf einigermaßen defensiv begonnen habe, ist in den hohen Dreißigern für mich der fröhliche, im Flow durchlebte Trailspaß zu Ende. Ich wünsche, es wäre nur ein Marathon und sehne die zweite Verpflegungsstelle bei Kilometer 41 herbei. Dort gibt es die belgische Version der 5-Minuten-Terrine. Heiß, salzig, herrlich! Mein Liter Apfelschorle ist seit geraumer Zeit ausgetrunken. Ich fülle die Flaschen mit Iso auf und schütte mit dem Durst eines Schiffbrüchigen soviel kaltes Getränk in mich hinein, wie es der flaue Magen hoffentlich verträgt.

Eine Banane und ein paar Gehschritte bringen etwas Erholung. Die plötzlich erstaunlich flache und einfache Wegführung tut ihr Übriges, um die schmerzenden Beine, die ganz offenbar kein adäquates Bergtraining hatten erfahren dürfen, ein wenig zu beruhigen.

Die Sonne hat ihr morgendliches Versprechen nicht gehalten. Feuchtigkeitsgesättigte Luft wartet nur darauf als Niesel zu kondensieren und lässt kaum noch einen Weitblick zu. Da wird im Dunst der Umriss einer weiteren Halde sichtbar!

Halde, unteres Segment

Ich unterdrücke ein bitteres Lachen und gebe mich keiner Illusion hin. Da wird es gleich nochmal drüber gehen. Und schon ragt sie vor mir auf. Schlammig, rutschig, hässlich. Doch ihr magerer Bewuchs ist mein Freund. Hat er mir doch ein abgewinkeltes Stöckchen hinterlassen, das mir bei meinem Aufstieg als Krücke dient, auf die ich mich mit beiden Händen stützen kann. Der Leidensgenosse vor mir hat es schon zum kargen Gipfel geschafft, dreht sich um und blickt zu mir herab. Wir grinsen nur müde. Selten ist mit einem einzelnen Gesichtsausdruck so viel Information ausgetauscht worden.

Halde, Mittelteil (im Hintergrund finaler Anstieg)
Heil auf der anderen Seite am Fuße des elenden Dreckhaufens angekommen, werde ich von Zuschauern beklatscht: "Bravo, Courage!" Unter ihnen einer der Jünglinge vom Start, das schwarze Gesicht notdürftig gewaschen. Ich mag gerade eine weitere, lange Lektion in Demut erfahren haben. Aber aufgegeben habe ich nicht!

Allerdings bin ich wohl nicht mehr ganz Herr meiner Sinne. Der Blick und die Gedanken schweifen ab. Ich habe all' diese halsbrecherischen Passagen überstanden, nur um jetzt auf ebenem, breiten Feldweg zu stolpern und zu stürzen. Instinktiv rolle ich ab. Mein Geroller kommt gerade noch rechtzeitig vor dem Stacheldraht-Weidezaun zum Stehen und ich dort zum Liegen. Niemand hat's gesehen, schnell weiter!

Den letzten der drei Verpflegungspunkte ignoriere ich und erreiche nach einem weiteren Kilometer den Zielbogen direkt vor dem Start-/Zielgebäude. Doch noch ist der Lauf nicht zu Ende. Erst als ich die Flügeltür zur Halle öffne, wo der Zeitnehmer im Warmen wartet, werde ich mit 6:10:33 registriert.

Höhenprofil


Mittwoch, 14. Dezember 2016

Siebengebirgsmarathon – 7G 2016

Man muss nicht in Frankfurt laufen, um in einer Festhalle zu finishen. Das geht auch beim Siebengebirgsmarathon.

Wartender Fotograf am Zieleinlauf im Bürgerhaus Aegidienberg
Seit 2013 habe ich dort jeweils den läuferischen Jahresausklang zelebriert. Diesmal habe ich noch etwas mehr vor. "Irgendwann will ich beim 7G unter 3:30 bleiben, doch in diesem Jahr muss ich betont langsam laufen, denn eine Woche später steht noch ein belgischer Ultratrail in meinem Laufkalender.", so schrieb ich vorab an meine Laufpartner.

Wir sind zu viert angereist, um unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Unsere Trittspuren im Boden der siebengebirgischen Waldwege wollen wir hingegen ganz bewusst hinterlassen! Leicht macht es uns die Wegbeschaffenheit heute nicht, das Profil unserer Schuhe in den Untergrund zu prägen, denn die Wege sind trocken und hart wie des armen Läufers Brot. Bei 6 Grad und Windstille fällt nicht ein Tropfen vom bedeckten Himmel.

Haben sich die Pferde in Aegidienberg zu einer Gang zusammengerottet und ein Gangpferdezentrum gegründet? Jedenfalls findet der Start wie jedes Jahr vor diesem Gangpferdezentrum statt, wo von einem Traktoranhänger herab das Signal gegeben wird, das die Läufer-Gang in Gang setzt. Oder "auf Trab" bringt?

Peter und Ralf fallen direkt in den Galopp. Sie hatten an der Startlinie spontan verkündet, in 3:45 ins Ziel laufen zu wollen. Schon nach zwei Kilometern ist die Nikolausmütze, mit der Ralf den dritten Advent begeht (oder beläuft er ihn?), unseren Blicken entschwunden. Alexander und ich, die wir die andere CO2-Quartett-Hälfte bilden, zuckeln in einem Schnitt von 5:54 hinterdrein.


So bleibt trotz der rund 800 Höhenmeter des Kurses genügend Luft, um die Globalisierung zu thematisieren und Erlebnisse mit der Konkurrenz aus Ost und Fernost am Arbeitsmarkt zu schildern. Das bringt uns direkt zur Sorge um den Nachwuchs, und Alexander benennt mir bisher unbekannte Zugangswege zum Studium. Offenbar haben die durchgenommenen Themen Alexander auf den Magen geschlagen. Nahe Kilometer 17 verabschiedet er sich ins Gebüsch.

3/4-Quartett bei 6,3 Grad Celsius
Fortan bin ich auf mich allein gestellt. Und mein ganzes Trachten richtet sich jetzt darauf, die rote Nikolausmütze wieder einzuholen. Doch so sehr ich mich auch mühe, werde ich bei jeder Geraden, die einen Weitblick nach vorn ermöglicht, aufs Neue enttäuscht. Keine Mütze in Sicht.

Den Kilometer 21 passiere ich nach 1:56:irgendwas. Zu einer 3:45er Zeit bleiben demnach noch eine Stunde und achtundvierzig Minuten für den zweiten Halbmarathon. Das erscheint machbar. Dennoch dauert es bis zur Verpflegungsstation bei Kilometer 33, bis ich die weihnachtliche Kopfbedeckung und ihren Träger eingeholt habe.

Mein gesetztes Ziel ist erreicht. Und ich könnte den Marathon nun im Quartett-Team zu Ende bringen, wie ich es eine ganze Aufholjagd lang geplant hatte. Allein, ich vermag das einmal angeschlagene Tempo nun nicht mehr zu reduzieren und renne einfach weiter!

Während mir ob der ungeplanten Geschwindigkeit der Gedanke durch den Kopf geht, das Belgien-Abenteuer einfach ausfallen zu lassen, setzte ich dennoch den Ausrüstungstest für den Auslandsmatschaufenthalt fort. Neue "Inov8 Terraclaw 220" zieren die Füße. Nur fehlt es am Schlamm, in den die "Klauen" zu schlagen wären. Komplementiert wird das Schuhwerk durch Gamaschen von Salomon namens "Trail Gaiter Low". Und genau diese, heute ohnehin unnötige, Zusatzausrüstung hätte meinem Lauf beinahe ein jähes Ende bereitet.
Höhenprofil Siebengebirgsmarathon
Schon am Start zeigte sich, dass der breite Gummiriemen, der unter dem Fuß verläuft, nicht zwischen die Profilstollen des Terraclaw zu verlegen ist. Somit muss ich bei jedem Schritt mit einigen Stollen auf den Riemen treten. Bei Kilometer 36 schiebt sich der linke Riemen urplötzlich über die Ferse, so dass mir die gesamte Konstruktion ums Bein schlackert und fast zur Fußangel gerät. Wenigstens lässt sich das untaugliche Teil dank des Klettverschlusses mit einem Handgriff abnehmen.

Zuverlässig wie in jedem Jahr steht am letzten Anstieg "Mr. Tambourinman". Als er mir "zutrommelt", funktioniere ich den nutzlosen Gaiter kurzerhand zum Winkelement um und lasse das rote Textil lassogleich überm Kopf kreiseln. Der Tambourinman lacht. Waren die Gamaschen doch noch zu etwas nutze!

Zum Schluss geht es "die Straße runter". Wo auch immer diese Redewendung ihren Ursprung haben mag, hier ist es tatsächlich ganz leicht abschüssig. Unübersehbar sind die kindskopfgroßen Baumkugeln, die alljährlich eine stattliche Konifere in einem der Vorgärten zieren. Die letzten beiden Kilometer sind mit 4:13 und 4:08 relativ schnell vorbei, bevor der Lauf im Grande Finale auf dem roten blauen Teppich in der Festhalle gipfelt. Rot ist immerhin das Band der Medaille, das mir nach 3:37:23 um den verschwitzten Hals drapiert wird.

Montag, 28. November 2016

Jubiläumslauf in Bertlich

Zum hundersten Mal werden die Bertlicher Straßenläufe ausgetragen. Dieses Jubiläum will ich mit meinem fünfzigsten (Ultra-)Marathon koppeln. Der Blog-Titel steht auch schon fest: "Der 50. beim 100."  In letzter Minute macht die Pulsmesser-Buchhaltung (ich zähle nochmal durch) dem Plan einen Strich durch die Rechnung. Es wird schon der Einundfünfzigste.


Kurz nach dem Start schließt Marcel zu mir auf. Und es sieht so aus, als ob wir wieder als Plauder-Duo ins Ziel laufen werden. Doch da gesellt sich Matthias dazu und wandelt uns zum Trio. Ob es an der von uns in Runde Eins ausführlich dargelegten Zukunft der Elektromobilität liegt oder eher an unserer 5er Pace, ist nicht genau auszumachen. Unser Windschatten dürfte angesichts der Flaute zumindest keine Rolle spielen. Trotzdem führen wir ein kleines Fähnlein an. Auch die erste Frau hat sich unserem wilden Haufen angeschlossen. 

Aber so ist es beim Marathon. Die Truppe schmilzt dahin. Auf der zweiten der drei Runden verlieren wir auch die Siegerin in spe. Und selbst Marcel setzt sich ab. Er tut ein gutes Werk und stellt sich einem achtzehnjährigen Marathon-Debütanten erfolgreich als 3:30-Pace-Maker zur Verfügung.

Also wieder Duo. So komme ich heute doch noch zu einem Doppel-Jubiläum. Denn Matthias feiert hier gerade seinen Geburtstag. Obwohl ich mittlerweile der einzig verbliebene Party-Gast bin, ist die Stimmung sehr gut. Eine Anekdote jagt die nächste. Besonders beeindruckend ist die Geschichte vom 81-jährigen Finisher, der die Frage, warum er mit 72 Jahren seinen ersten Marathon gelaufen sei, beantwortet: „Na, weil ich erst mit 70 zu laufen anfing!

Bei einer anderen Anekdote sind wir live dabei. Der straßensperrende Polizist ruft seinem Kollegen zu: "Scheint wieder Fußball zu sein. Die Autofahrer haben alle solche Schale um den Hals." Schale? Schalen? Schals? Oder gar Schäler für die Hälser? Wir einigen uns darauf, dass sich die Fahrer heute in Schale geworfen haben.

Auf Runde Drei hält sich ein Herr in Grün längere Zeit in unserem Fahrwasser, bevor er längsseits geht: „Für mich ist das hier mein zweitschnellster jemals gelaufener Marathon. Aber wenn ich wie ihr die ganze Zeit quatschen würde, könnte ich dieses Tempo niemals halten.“ Mein Augenzwinkern übersehen offenbar beide Gesprächspartner, als ich erwidere: „Dann möchtest du also nicht mitziehen, wenn wir gleich unseren furiosen Endspurt hinlegen?“ Matthias entfährt ein entsetztes: „Was machen wir gleich!?

Obwohl es als Scherz gemeint war, sind wir plötzlich wie die Tiere, die den Stall wittern. Die Ziellinie entfaltet ihre magische Anziehungskraft. So einer Sammel-Umkleide ist ja durchaus ein gewisser Stallgeruch zu eigen. Wir stellen die Gespräche ein und überlassen den Grünen mitleidslos seinem Schicksal. Vielleicht liegt es auch am starken Harndrang, der uns beide schon seit Runde Eins plagt. Jedenfalls bekommt dieser schöne lange Tempolauf mit einer Endbeschleunigung sein I-Tüpfelchen. Aus der ursprünglich ins Auge gefassten 3:30 wird letztlich eine 3:26:10.

Solch eine locker herbeigeplauderte Zeit reicht natürlich nicht für den Altersklassenpokal. Für das Glitzerzeug ist der Junior zuständig, der zwischenzeitlich die Prämie beim 10er abgeräumt hat. Nachdem wir im Anschluß noch die medaillenbehangene Tochter aus der Schwimmhalle geholt haben, gönnen wir uns gemeinsam dieses zufriedene, reuelose Sofalümmeln, das nur nach exzessivem Sport möglich ist.