Montag, 20. November 2017

Neanderlandsteig-Begegnungslauf

Im Schwarzbachtal, wo ich auf den Neanderlandsteig treffe, geht es sofort los mit den Begegnungen. Keine zehn Meter von mir entfernt pickt ein Fasan auf einem abgeernteten Feld herum, ohne Notiz von mir zu nehmen. So nahe bin ich derlei Federvieh bisher nur gekommen, wenn es in einer Voliere saß.

Ich folge dem Steig in nordöstlicher Richtung. Er führt mich einmal rund um Ratingens Grünen See. Trotz des kalten Windes sind dort ein paar Menschen unterwegs. Eine Joggerin ruft mir von weitem zu: "Sind Sie das Pulsmesser?" Als ich bejahe, folgt die Erklärung: "Ich bin die Freundin von Läufer H. Ich dachte mir, so ein langer Dünner, der viel läuft - das muss das Pulsmesser sein!"

Der berühmte Athlet, der von seinen Fans auf der Straße erkannt wird, zieht mit stolzgeschwellter, aber immer noch magerer Brust weiter seine Bahn. Und die nächste Begegnung lässt nicht lange auf sich warten. Mein ornitologisches Unwissen lässt leider keine präzise Schilderung zu. Jedenfalls sitzt ein großer, hellgefiederter Raubvogel etwa in meiner Kopfhöhe auf einem toten Ast direkt neben dem Weg. Im Gegensatz zum Fasan interessiert er sich durchaus für mich und dreht majestätisch sein Haupt in meine Richtung. Offenbar stuft er mich, trotz meines roten Läufergewandes, als harmlos ein und bleibt ungerührt auf seinem Geäst hocken.

Neanderlandsteig-Idylle

In den tiefen Wäldern des Düsseldorfer hohen Nordens schlängelt sich der gut markierte Wanderweg durchs Gehölz. Aus einer Kurve kommt mir ein großer Hund entgegengerannt. Nach einem kurzen Anstieg des Adrenalinspiegels gibt die Amygdala wieder Entwarnung. Es ist kein Hund, sondern ein Reh! Das Tier braucht eine Weile, bevor es auch ein wenig Adrenalin ausschüttet. Es scheinen nur ein paar Tropfen zu sein. Die reichen gerade, um das Wild ein paar Schritte vom Weg herunter machen zu lassen. Es stellt sich gelassen hinter die erste Reihe Zweige. Diese "Tarnung" erinnert ein wenig an ein Kind, das sich die Augen zuhält, um sich unsichtbar zu machen. Aus seinem Versteck beäugt mich Bambi neugierig, während ich in vielleicht vier Metern Abstand passiere.

Nach weiteren 100 Metern wird mir klar, warum das Biest so abgehärtet ist. Ein Flugzeug schießt dröhnend durch die Baumwipfel. Der Neanderlandsteig führt mich nun ungemein idyllisch an der Landebahn des Düsseldorfer Flughafens entlang.

Am Hinkesforst habe ich nach inzwischen 22 km schon so viel waidmännische Erfahrung gesammelt, dass es mich nicht mehr verwundert, als mich das nächste Reh in nur zwei Metern Abstand vorbeilaufen lässt. Keine Ahnung, was heute mit den Tieren des Waldes los ist! Oder liegt es gar an mir? Das Pulsmesser, der bekannte Trailrunner, mit allen Geschöpfen der Natur auf du und du!?

Dieses zutrauliche Wesen wagt sich sogar vor meine Linse

Jederzeit erwarte ich nun das nächste Stelldichein mit irgendeiner zutraulichen Kreatur. Doch der Weg von Selbeck nach Breitscheid verläuft vermutlich zu urban. Erst als ich den Neanderlandsteig verlasse, den Oberbusch durchquere und hinter dem Stinkesberg in einen kleinen Pfad einbiege, raschelt es im Gebüsch. Ein seltsam gewandeter, einäugiger Gnom mit spitzen Ohren macht sich dort zu schaffen! Mich wundert heute nichts mehr. Ein paar Schritte weiter halluziniere ich scheinbar im Runner's-High einen Zeitsprung. Denn mitten im Wald sehe ich auf einer Lichtung eine wild gestikulierende Menge. Jeder einzelne ist mit einem altertümlichen Wams angetan. Manche haben sich mit Äxten, Schilden und Schwertern bewaffnet. Muss ich um mein Leben bangen? Eine Frau, scheinbar eine Fee mit besonderem Spürsinn, wird meiner gewahr und benachrichtigt die anderen. Sofort formiert sich die Truppe in Dreierreihe. Der Zwerg bittet mich fröhlich lächelnd um ein Gruppenfoto.

LARPer
Die - offenbar gute - Fee erklärt mir, dass sie LARPer sind und sich zu einem "Live Action Rollenspiel" zusammengefunden haben. Nun ja, ich finde prinzipiell jeden gut, der raus geht und sich in der Natur bewegt.
Fee: "Wir ziehen schon seit vier Stunden durch den Wald."
Pulsmesser: "Ich auch."

Nach 45,5 Kilometern sind sowohl mein Lauf- als auch mein Begegnungs-Bedürfnis für heute gestillt.


Montag, 13. November 2017

Platinman 2017

Der Veranstalter des Platinman hat offenbar auf meine Verwirrung bei der letztmaligen Teilnahme reagiert. Damals überraschte mich das abrupte Ende des Laufs und brachte mich um den Endspurt. In diesem Jahr dürfen wir bis zum Start zurück laufen. Damit wurde die Strecke auf offizielle 28,35 km verlängert und um ein paar Anstiege bereichert, so dass sich die Höhenmeter zu 863 summieren.

Die Pulsmesser rücken als Duo aus, um Platinmänner zu werden. Mit der ebenfalls angebotenen Light-Version will sich der Junior diesmal nicht mehr zufriedengeben und mogelt sich etwas älter, um teilnehmen zu dürfen. Dem besorgten Vater scheint die Strecke etwas lang für den Nachwuchs, insbesondere angesichts der Höhenmeter. Außerdem hat der Regen den ganzen Wald so aufgeweicht, dass man durchaus von einem echten Traillauf sprechen kann. Also ergeht an den Sohn der Erlass, er möge sich so weit zügeln, dass er in Würde und sturzfrei ins Ziel kommt. Das Hauptaugenmerk soll darauf liegen, Erfahrungen mit der langen Strecke, den Höhenmetern und dem anspruchsvollen Untergrund zu sammeln.
Riesige Holzscheibe für den Sieger
Für mich selber habe ich ebenfalls eine Vorgabe. Nach dem hurtigen 50er der Vorwoche will ich mich mit einer Zielzeit unter drei Stunden begnügen. Inzwischen kenne ich mich ja insoweit, dass mir derlei auferlegte Beschränkungen helfen, mich zumindest anfangs einzubremsen, bevor der Wettkampf mich in den Blutrausch versetzt.

Also stelle ich mich am Start einigermaßen defensiv auf. Immerhin kann ich die ersten steilen Single-Trails noch flüssig absolvieren. Mein Sohn, der sich brav hinten einsortiert hat, wird später vom Schlangestehen vor diesen Hindernissen berichten.

Auf dem letzten Asphalt-Segment kommt uns ein Mountain-Biker entgegen, klatscht uns ab und meint, sollte noch eine Socke sauber sein, so würde sich das jetzt ändern. Es geht auf zerfurchtem Waldweg schön matschig bergab. Der erste krasse Schlammlauf der Saison beginnt. Irgendwann ergibt es keinen Sinn mehr, eine möglichst trockene Spur zu suchen. Einfach durch, heißt die Devise.

Der seilversicherte 52%-Anstieg liegt in diesem Jahr etwa bei km 13. Und natürlich lauert auch hier wieder der Fotograf auf der Suche nach dem spektakulären Motiv. Aber ich kann noch lächeln. Einen Kilometer später, also zur Halbzeit, zeigt die Uhr 1:14. Die Idee von einem Finish unter 2:30 beginnt sich in meinem Hirn einzunisten.

Mit Kappe, langer Hose, dünnem Langarm-Shirt über einem Kurzarm-Shirt und wasserdichten Sealskinz-Handschuhen fühlte ich mich anfangs zu warm bekleidet. Mittlerweile regnet es so große, kalte Tropfen, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob das schon Hagel ist. Nun scheint die Klamottenwahl goldrichtig. Meine bangen Gedanken richten sich auf den Nachwuchs, der nur in kurzer Hose und Langarm-Hemd gestartet ist. Ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge vom Hammermann geschlagen, entkräftet an einem Hang herumbibbern. Erst gestern waren wir leichtbekleidet in stundenlangem Regen und Wind bei einer Trainingseinheit völlig ausgekühlt. Zu Hause konnten wir mit unseren schmerzenden Händen kaum die warme Dusche aufdrehen und hatten den Rest des Tages, in warme Decken gehüllt, heißen Tee getrunken, um endlich wieder aufzutauen.

Mir selbst heize ich durch beschleunigte Fortbewegung ein. Während ich den ganzen Schlamm genieße und unablässig überhole, schlägt mir immer wieder irgendwas gegen das Bein. Trotz Doppelknotens löst sich ein Schnürsenkel! Irgendwann lässt sich ein Stopp nicht mehr vermeiden. Blöderweise müssen auch die Handschuhe ausgezogen werden. Wer schon mal versucht hat, sich die feuchten Dinger wieder überzustreifen, weiß was das für eine Fummelei ist.

Das Streckenprofil habe ich gut studiert. Also weiß ich, dass bei km 24 der letzte Anstieg lauert. Dort treffe ich auf einen Mitstreiter, den bei seinem ersten Wettkampf nach einem Triple-Iron-Man (sic!) gerade die Kräfte verlassen. Es stellt sich heraus, dass es derselbe Mann ist, dem ich ein "Das kann doch jetzt nicht wahr sein!" entgegenschmetterte, als er mich beim Biggesee-Marathon auf den letzten Metern zu überholen trachtete.

Sieger mit Medaille
Mit einem Bergab-Sprint ins Ziel sichere ich mir das Erreichen der unterwegs geänderten Vorgabe. 2:28:51 zeigt die Uhr, was einer Pace von 5:15 entspricht. Das stimmt mich so lange froh, bis ich feststelle, dass ich vor zwei Jahren auf der kürzeren Strecke mit 5:03 min/km unterwegs war - und das zwei Wochen nach einem 100-km-Lauf! Dafür ist die Platzierung (AK: 5, Gesamt: 19) diesmal besser. Vielleicht muss man auch die Streckenverhältnisse würdigen, die heute deutlich schwieriger waren? Besonders in Erinnerung bleibt die tiefverschlammte Abwärts-Passage, auf der frisch geschnitte Stämmchen quer lagen, so dass sie nur im Kniehebelauf zu bewältigen war.

Wie mag es da nur dem Junior ergangen sein? Der erscheint erstaunlich sauber und trocken sowie freudestrahlend im Ziel. Selbst die Treppe hinauf zur Kleiderbeutelabholung nimmt er, ohne sich etwas anmerken zu lassen.

Bleibt eigentlich nur die Frage offen, warum es ausgerechnet beim Platinman Medaillen aus Holz gibt?

Dienstag, 7. November 2017

Bottroper Herbstwaldlauf

Bisher hatte ich immer einen Start beim Röntgenlauf dem Herbstwaldlauf in Bottrop vorgezogen. Die flache 50-km-Strecke im Ruhrgebiet über zwei identische Runden schien mir weniger attraktiv als der hügelige 63,3-km-Kurs durchs Bergische Land. Dieses Jahr zwang mich der Terminkalender nach Bottrop. Ich wurde angenehm überrascht!

Start-/Zielbogen auf der Zeche Prosper Haniel
Als Spross einer Bergbau-Region, hat mich das Start/Zielgelände auf der aktiven Zeche Prosper Haniel ziemlich begeistert. Die Schwarz- und die Weißkaue dienen uns als Umkleiden. Zu Hause betreibe ich ein ähnliches System. Wenn ich verdreckt vom Laufen zurückkehre, betrete ich das Haus durch den Kellereingang. Dort unten in meiner persönlichen Schwarzkaue entledige mich meiner stinkenden Laufsachen. Nackt nehme ich dann die Treppe hinauf zur Dusche. Dazwischen gilt es allerdings noch, den Flur zu durchqueren.  Das kann zu peinlichen Situationen führen, beispielsweise wenn meine Tochter Besuch von ihren pubertären Freundinnen hat. Ich verbrachte schon manche bange Minute bibbernd hinter der Kellertür, um zu lauschen, ob die Luft rein ist.

Hochgezogene Wechselbekleidung in der Kaue
In der Zeche sind wir Läufer aber unter uns. Wir können unsere Weiß-Klamotten in den Ständer, der bestimmt auch einen bergmännischen Namen trägt, hängen und dann an Ketten unter die Decke ziehen. Allein für dieses Erlebnis lohnt sich die Teilnahme am Lauf! Allerdings scheint 2018 die letzte Chance für Bergbau-Feeling zu sein, weil danach die Zeche geschlossen wird.

In der Kaue
Auf befestigten Waldwegen unterschiedlicher Breite rennen wir durch den bunten Namensgeber des Laufes. Anfänglicher Nieselregen weicht unterwegs vereinzelten Sonnenstrahlen. Die nächtliche Streckenbewässerung hat für ausreichend Schlamm gesorgt, so dass man fast so stark verschmutzt, als sei man bei einem krassen Traillauf.

Ich finde mich bald in einem Trio wieder. Begleitet werde ich von einem Läufer, der in der Vorwoche noch den Frankfurt-Marathon unter drei Stunden finishte und von einem Sportler, der bisher noch nie weiter als 35 km gelaufen ist. Wir sind mit einer Pace von 4:48 min/km unterwegs, was unser Bestreben, unter 4 Stunden fertig zu werden, dokumentiert.

Die Runde hat nicht nur farbiges Laub zu bieten, sondern buhlt mit zwei malerischen Seen erfolgreich um unsere Gunst. Außer schöner Landschaft ist vor und hinter uns bald nichts mehr zu sehen.

Das ändert sich gegen Rundenende, als wir ins 10-km-Startfeld hineinlaufen, das seitwärts in unseren Kurs geführt wird. Jetzt wird es eng. So schön es ist, als Ultra die Kurzstreckler überholen zu können, so schwierig gestaltet es sich, denn das 50-km-Spitzenfeld kommt uns auf diesem Pendelsegment auch noch entgegen. Auf Zuruf weichen die zu Überholenden nach rechts aus. Nur eine Musikhörerin muss nach der dritten vergeblichen Ansprache sanft mit der Hand beiseite geleitet werden. Das Kopfhörerverbot der DLV hat wohl doch einen Grund.

Punktgenau passieren wir nach knapp zwei Stunden die Wende im Zielbereich. Nun gilt es, meinem Gelaber vom negativen Split Taten folgen zu lassen. Ich beschleunige und finde mich bei einem Tempo von etwa 4:37 min/km wieder. Mir scheint, das könne ich bis ins Ziel halten. Überraschenderweise hält der Ultra-Novize mit, während sich der schnelle Marathoni zurückfallen lässt.

Eine vorstartliche Unvernunft macht mir nun mehr und mehr zu schaffen. Als Nachmelder war ich ziemlich zeitig angereist, was mir zwar einen Parkplatz direkt vorm Gebäude einbrachte, aber auch dazu führte, dass ich noch eine Stunde totzuschlagen hatte. Obwohl mir die Gesellschaft von Vereinskameraden meines Sohnes die Warterei verkürzte, glaubte ich, zum Zeitvertreib noch einen Kaffee und ein Wasser trinken zu müssen. Harndrang seit Kilometer Fünf ist die Folge! Doch wenn ich die erste Runde durchgehalten habe, bleibe ich auf der zweiten nun auch nicht mehr stehen! Immer wieder visualisiere ich meinen Sprint von der Ziellinie direkt zum Dixie.

Finisher-Metall
Davon abgesehen fühle ich mich gut und bin mit meinem spontanen Start-Entschluss vom Vorabend sehr zufrieden. Das Befinden meiner Begleiter kann ich nicht beurteilen, sie haben mich inzwischen beide verlassen. Stattdessen tauchen nun wie an einer Perlenschnur vor mir Läufer auf. So lange es jeweils auch dauert, sie kommen näher und werden letztlich überholt. Übermütig plane ich schon einen Endspurt auf den letzten fünf Kilometern.

Und tatsächlich scheint sich ein Überholter zu wehren. Schritte bleiben hinter mir hörbar. Ja, sie werden sogar lauter. Schließlich taucht ihr Verursacher neben mir auf. Überraschenderweise ist es der schnelle Marathoni! Gemeinsam verwirklichen wir meine Endspurtidee und überholen noch drei oder vier Läufer. Aus dem kollegialen Schluss-Sprint wird zuletzt noch ein richtiges Duell, das mich zu ungeahnter Leistung anstachelt. Nach 49 Kilometern laufe ich die letzten 1000 m in 3:54 min! Hochzufreden mit diesem rundherum gelungenen Lauf stoppe ich die Uhr nach 3:54:40.

Statt schnurstracks zum Dixie zu eilen, muss ich vornübergebeut würgen. Mein Körper will irgendetwas hervorbringen. Bin ich an die Kotzgrenze gegangen? Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass mir lediglich ein extrem lautes Niesen entfährt.

Die Toilette besuche ich dann übrigens erst in der Umkleide. Alles Kopfsache!