Dienstag, 7. November 2017

Bottroper Herbstwaldlauf

Bisher hatte ich immer einen Start beim Röntgenlauf dem Herbstwaldlauf in Bottrop vorgezogen. Die flache 50-km-Strecke im Ruhrgebiet über zwei identische Runden schien mir weniger attraktiv als der hügelige 63,3-km-Kurs durchs Bergische Land. Dieses Jahr zwang mich der Terminkalender nach Bottrop. Ich wurde angenehm überrascht!

Start-/Zielbogen auf der Zeche Prosper Haniel
Als Spross einer Bergbau-Region, hat mich das Start/Zielgelände auf der aktiven Zeche Prosper Haniel ziemlich begeistert. Die Schwarz- und die Weißkaue dienen uns als Umkleiden. Zu Hause betreibe ich ein ähnliches System. Wenn ich verdreckt vom Laufen zurückkehre, betrete ich das Haus durch den Kellereingang. Dort unten in meiner persönlichen Schwarzkaue entledige mich meiner stinkenden Laufsachen. Nackt nehme ich dann die Treppe hinauf zur Dusche. Dazwischen gilt es allerdings noch, den Flur zu durchqueren.  Das kann zu peinlichen Situationen führen, beispielsweise wenn meine Tochter Besuch von ihren pubertären Freundinnen hat. Ich verbrachte schon manche bange Minute bibbernd hinter der Kellertür, um zu lauschen, ob die Luft rein ist.

Hochgezogene Wechselbekleidung in der Kaue
In der Zeche sind wir Läufer aber unter uns. Wir können unsere Weiß-Klamotten in den Ständer, der bestimmt auch einen bergmännischen Namen trägt, hängen und dann an Ketten unter die Decke ziehen. Allein für dieses Erlebnis lohnt sich die Teilnahme am Lauf! Allerdings scheint 2018 die letzte Chance für Bergbau-Feeling zu sein, weil danach die Zeche geschlossen wird.

In der Kaue
Auf befestigten Waldwegen unterschiedlicher Breite rennen wir durch den bunten Namensgeber des Laufes. Anfänglicher Nieselregen weicht unterwegs vereinzelten Sonnenstrahlen. Die nächtliche Streckenbewässerung hat für ausreichend Schlamm gesorgt, so dass man fast so stark verschmutzt, als sei man bei einem krassen Traillauf.

Ich finde mich bald in einem Trio wieder. Begleitet werde ich von einem Läufer, der in der Vorwoche noch den Frankfurt-Marathon unter drei Stunden finishte und von einem Sportler, der bisher noch nie weiter als 35 km gelaufen ist. Wir sind mit einer Pace von 4:48 min/km unterwegs, was unser Bestreben, unter 4 Stunden fertig zu werden, dokumentiert.

Die Runde hat nicht nur farbiges Laub zu bieten, sondern buhlt mit zwei malerischen Seen erfolgreich um unsere Gunst. Außer schöner Landschaft ist vor und hinter uns bald nichts mehr zu sehen.

Das ändert sich gegen Rundenende, als wir ins 10-km-Startfeld hineinlaufen, das seitwärts in unseren Kurs geführt wird. Jetzt wird es eng. So schön es ist, als Ultra die Kurzstreckler überholen zu können, so schwierig gestaltet es sich, denn das 50-km-Spitzenfeld kommt uns auf diesem Pendelsegment auch noch entgegen. Auf Zuruf weichen die zu Überholenden nach rechts aus. Nur eine Musikhörerin muss nach der dritten vergeblichen Ansprache sanft mit der Hand beiseite geleitet werden. Das Kopfhörerverbot der DLV hat wohl doch einen Grund.

Punktgenau passieren wir nach knapp zwei Stunden die Wende im Zielbereich. Nun gilt es, meinem Gelaber vom negativen Split Taten folgen zu lassen. Ich beschleunige und finde mich bei einem Tempo von etwa 4:37 min/km wieder. Mir scheint, das könne ich bis ins Ziel halten. Überraschenderweise hält der Ultra-Novize mit, während sich der schnelle Marathoni zurückfallen lässt.

Eine vorstartliche Unvernunft macht mir nun mehr und mehr zu schaffen. Als Nachmelder war ich ziemlich zeitig angereist, was mir zwar einen Parkplatz direkt vorm Gebäude einbrachte, aber auch dazu führte, dass ich noch eine Stunde totzuschlagen hatte. Obwohl mir die Gesellschaft von Vereinskameraden meines Sohnes die Warterei verkürzte, glaubte ich, zum Zeitvertreib noch einen Kaffee und ein Wasser trinken zu müssen. Harndrang seit Kilometer Fünf ist die Folge! Doch wenn ich die erste Runde durchgehalten habe, bleibe ich auf der zweiten nun auch nicht mehr stehen! Immer wieder visualisiere ich meinen Sprint von der Ziellinie direkt zum Dixie.

Finisher-Metall
Davon abgesehen fühle ich mich gut und bin mit meinem spontanen Start-Entschluss vom Vorabend sehr zufrieden. Das Befinden meiner Begleiter kann ich nicht beurteilen, sie haben mich inzwischen beide verlassen. Stattdessen tauchen nun wie an einer Perlenschnur vor mir Läufer auf. So lange es jeweils auch dauert, sie kommen näher und werden letztlich überholt. Übermütig plane ich schon einen Endspurt auf den letzten fünf Kilometern.

Und tatsächlich scheint sich ein Überholter zu wehren. Schritte bleiben hinter mir hörbar. Ja, sie werden sogar lauter. Schließlich taucht ihr Verursacher neben mir auf. Überraschenderweise ist es der schnelle Marathoni! Gemeinsam verwirklichen wir meine Endspurtidee und überholen noch drei oder vier Läufer. Aus dem kollegialen Schluss-Sprint wird zuletzt noch ein richtiges Duell, das mich zu ungeahnter Leistung anstachelt. Nach 49 Kilometern laufe ich die letzten 1000 m in 3:54 min! Hochzufreden mit diesem rundherum gelungenen Lauf stoppe ich die Uhr nach 3:54:40.

Statt schnurstracks zum Dixie zu eilen, muss ich vornübergebeut würgen. Mein Körper will irgendetwas hervorbringen. Bin ich an die Kotzgrenze gegangen? Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass mir lediglich ein extrem lautes Niesen entfährt.

Die Toilette besuche ich dann übrigens erst in der Umkleide. Alles Kopfsache!

Kommentare:

  1. Ich würde dir ja einen Bademantel empfehlen. Für den Keller meine ich. Entweder direkt zum Anziehen oder zumindest um das Frieren im Keller zu verhindern wenn du warten musst bis die Luft rein ist :-))))
    Es gibt Leute, die würden ihre Oma für so eine Marathonzeit verkaufen. Und du läufst einfach mal locker 50 Km in dieser Zeit.
    Was soll man dazu sagen. Da kann man nur lesen und staunen.
    Und gratulieren natürlich :-)
    Hast du sau stark gemacht.
    Liebe Grüße
    Helge

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und ich wäre jetzt fast im Bademantel losgelaufen! Danke dir, Helge! Nach 3:19 hatte ich übrigens die Marathondistanz drin.

      Löschen
    2. Ich bin nicht neidisch. Gar nicht. Also überhaupt nicht.
      Na gut, ein bisschen doch
      :-))))

      Löschen
  2. Stark, starke Leistung, aber dass du würgen musstest, finde ich nicht so gut, das ist mir früher einmal passiert - von da an beschloss ich, dass es mir nicht mehr passiert - und es ist mir auch nicht mehr passiert . Herzlichen Glückwunsch und pass gut auf dich auf !

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, mach ich!
      Dass ich ein Niesen hervorwürgte, finde ich noch seltsamer als das Würgen selbst.

      Löschen
  3. Vielleicht sollte ich auch mal die Harndrang-Methode versuchen? Eine 3:19 im Marathon, jesses, das ist ja aus meiner Sicht Formel 1-Tempo! Herzlichen Glückwunsch zu diesem spontan gelaufenen und gelungenen Ultra!
    Die Pulsmessersche Waschkaue mit Deinen Flitzaktionen stelle ich mir ja als belebendes Element des häuslichen Lebens vor!
    Liebe Grüße
    Elke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, Elke, bei uns ist Leben in der Bude!
      Und vielen Dank für die Glückwünsche!

      Löschen
  4. Deine Leistung ist jedes Mal der Wahnsinn. Vor allem das frierende Warten um zum Duschen zu kommen. Könnte ich nicht. Ich würde durchlaufen, dann ist aber deine Tochter bald nimmer so häufig zu Hause :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Meine Tochter kennt das, aber die Freundinnen ...

      Löschen